Lebenszeichen von Edward Snowden – Vorgeschichte und ein Interview

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In den letzten Jahren ist es ruhig geworden um den Whistleblower Edward Snowden. Ähnlich wie bei Julian Assange wurde Snowden spätestens im Jahr 2013 für seine Enthüllungen weltbekannt. Der IT-Spezialist hatte die Spähaffäre um den US-Geheimdienst NSA mit zahlreichen Dokumenten enthüllt.

Wenn das Aufdecken von Verbrechen wie ein Verbrechen behandelt wird, dann werden wir von Verbrechern regiert.“ (Edward Snowden)

Kurze Vorgeschichte

Es war im Juni 2013, als Snowden in Hongkong untertauchte. In einem Hotel wartete er auf die Journalisten Glenn Greenwald und Ewen MacAskill vom Guardian. Anlass für diese geheime Begegnung waren Geheimdokumente der NSA, Dokumente, die Snowden aus den USA hat mitgehen lassen – er wollte mit den Informationen an die Öffentlichkeit. Es ging um geheime Massenüberwachungsprogramme der NSA.

Michael Hayden, damaliger Direktor der NSA, machte Snowden zum Whistleblower und letztlich zum Staatsfeind Nr. 1. Berufen wurde Hayden vom damaligen US-Präsidenten George W. Bush, der perfekte Mann im „Kampf gegen den Terror“. So leitete er ein Programm namens Stellar Wind, ein Codename der NSA, welches unter Federführung von George Bush nach den Anschlägen vom 11. September ins Leben gerufen war.

Ein Programm zur Massenüberwachung auf der ganzen Welt, welches unter Obama optimiert und ausgeweitet wurde. Stellar Wind erlaubte es, die gesamte Kommunikation jedes Amerikaners abzuhören und zu speichern. Privatsphäre war gestern, Stellar Wind war der Grundstein für den perfekten Überwachungsstaat.

Der Sturm hatte begonnen. Rechtzeitig, kurz nachdem der Guardian das Videointerview veröffentlicht hat, flüchtete Snowden aus dem Hotel in eine unbekannte Wohnung. Snowden bekam Unterstützung aus London, genaugenommen aus der ecuadorianischen Botschaft, von WikiLeaks-Gründer Julian Assange.

Die Uhr tickte, er musste Hongkong verlassen, die Obama-Administration setzte alle Hebel in Bewegung, um ihn wegen des Vorwurfs der Spionage festnehmen zu lassen. Um Verwirrung zu stiften, kaufe ihm WikiLeaks ein Dutzend Flugtickets ab Hongkong. Noch konnte er zum Flughafen, noch war kein Haftbefehl erlassen worden.

Unter Angabe eines falschen Zweitnamens checkte Snowden am Flughafen ein und hob ab. Nicht nach Deutschland, nicht in ein so „freies“ Land im Westen, sondern nach Moskau. Kein anderes Land außer Russland war bereit, ihm Asyl zu gewähren.

Zunächst verwehrte ihm Vladimir Putin die Einreise nach Russland, sodass Snowden gefangen war, gefangen im Transitbereich am Terminal F – einen Monat lang. In dieser Zeit beantragte er Asyl in etlichen europäischen Ländern, alle lehnten ab. Schließlich, am 1. August 2013, willigte die russische Einwanderungsbehörde ein, Snowden Asyl zu gewähren, zunächst für ein Jahr.

Aus einem Jahr wurden schließlich sechs Jahre, so lebt Snowden bis heute in Russland und ist den Umständen entsprechend ein freier Mann. Im Januar 2017 wurde sein Asyl in Russland um weitere drei Jahre verlängert.

Die Machtstrukturen zwischen den USA und Europa lagen offen zu Tage. Spätestens zu diesem Zeitpunk war für jedermann klar ersichtlich – Europa ist die Marionette der USA!

Deutlich machte diese These die Deutsche Bundesregierung selbst. Sein Asylantrag wurde zu jener Zeit mit der Begründung abgelehnt – Snowden erfülle die Voraussetzungen nicht, man wolle kein Zerwürfnis mit den USA provozieren.

So sagte der Regierungssprecher Steffen Seibert:

Die Voraussetzungen für eine Aufnahme von Snowden liegen nicht vor. Das transatlantische Bündnis bleibt für uns Deutsche von überragender Bedeutung.“

Neues Lebenszeichen von Snowden

Sechs Jahre sind nun vergangen, bewegende Jahre für Edward Snowden. Nun hat er seine Memoiren niedergeschrieben, in einem 432-seitigen Buch – Permanent Record.

Im Rahmen seiner Promotion für sein neues Buch traf sich der berüchtigte Informant mit dem Guardian und dem Spiegel in Moskau. Fast fünf Stunden verbrachte er mit beiden Nachrichtenportalen, um über den Inhalt seines Buches zu sprechen.

Details zu seinem persönlichen Hintergrund, seine Gedanken zur künstlichen Intelligenz, Gesichtserkennung und anderen Werkzeugen zur Beschaffung von Informationen.

Snowden beschreibt zum ersten Mal ausführlich seinen Hintergrund und was ihn dazu veranlasste, Details über die Geheimprogramme der US National Security Agency (NSA) und der britischen Geheimkommunikationszentrale GCHQ publik zu machen.

Im Interview mit dem Guardian sagte Snowden:

“Die größte Gefahr liegt noch vor uns, mit der Verfeinerung der Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz, wie Gesichts- und Mustererkennung. Eine mit einer KI ausgestattete Überwachungskamera wäre nicht nur ein Aufnahmegerät, sondern könnte zu etwas näherem an einem automatisierten Polizisten gemacht werden.”

Zu seinem Privatleben äußerte sich Snowden auch. So heiratete er vor zwei Jahren heimlich seine Partnerin Lindsay Mills in einem russischen Gerichtsgebäude. Kennengelernt hat der Lindsay vor 14 Jahren in einem Internetportal mit dem Namen Hot or Not. Snowden ist in Russland ein freier Mann, er fährt mit der Metro, besucht regelmäßig Kunstgalerien oder das Ballett und trifft sich mit Freunden in Cafés und Restaurants. Der mittlerweile 36-Jährige lebt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung am Stadtrand von Moskau.

Wenn ich aus dem Fenster falle, kann man sicher sein, dass ich gestoßen wurde“

Wesentlich aufschlussreicher als das Interview mit dem Guardian ist das geführte Interview mit Spiegel-Online. Hier ein paar Auszüge:

DER SPIEGEL: Herr Snowden, Sie haben immer gesagt: “Ich bin nicht die Geschichte.” Aber jetzt haben Sie 432 Seiten über sich selbst geschrieben. Warum?

Snowden: Weil ich denke, dass es wichtiger denn je ist, der Öffentlichkeit Systeme der Massenüberwachung und Massenmanipulation zu erklären. Ich kann nicht erklären, wie diese Systeme entstanden sind, ohne dabei meine Rolle beim Aufbau zu erläutern.

DER SPIEGEL: War es nicht vor vier oder sogar sechs Jahren genauso wichtig?

Snowden: Vor vier Jahren war Barack Obama Präsident. Vor vier Jahren war Boris Johnson nicht da und die AfD war immer noch eine Art Witz. Aber jetzt, 2019, lacht niemand mehr. Wenn man sich die Welt ansieht, wenn man die zunehmende Fraktionalisierung der Gesellschaft betrachtet, wenn man sieht, dass diese neue Welle des Autoritarismus über viele Länder zieht: Überall dort, wo wir politische und wirtschaftliche Klassen erkennen, können sie mit Hilfe von Technologien die Welt auf eine neue Ebene beeinflussen, die bisher nicht möglich war. Wir sehen, wie unsere Systeme angegriffen werden.

DER SPIEGEL: Was für Systeme?

Snowden: Das politische System, das Rechtssystem, das Sozialsystem. Und wir haben die Tendenz zu denken, dass, wenn wir die Menschen loswerden, die wir nicht mögen, das Problem gelöst ist. Wir sagen: “Oh, da ist Donald Trump. Oh, es ist Boris Johnson. Oh, es sind die Russen”, aber Donald Trump ist nicht das Problem. Donald Trump ist das Produkt des Problems.

DER SPIEGEL: Haben Sie beim Schreiben irgendwelche Wahrheiten über sich selbst entdeckt, die Ihnen nicht gefallen haben?

Snowden: Am schwersten ist es, zu erkennen, wie naiv und leichtgläubig ich war und wie mich das zu einem Werkzeug von Systemen machen könnte, die meine Fähigkeiten für einen Akt des globalen Schadens einsetzen würden. Die Klasse, zu der ich gehörte, die der globalen Technologiegemeinschaft, war lange Zeit unpolitisch. Wir haben diese Idee des Denkens:

“Wir werden die Welt besser machen.”

DER SPIEGEL: War das Ihre Motivation, als Sie in die Welt der Spionage betraten?

Snowden: Der Einstieg in die Welt der Spionage klingt so großartig. Ich habe gerade eine riesige Bandbreite von Möglichkeiten gesehen, weil die Regierung nach dem 11. September so verzweifelt war, um jeden einzustellen, der über hochrangige technische Fähigkeiten und eine Freigabe verfügte. Und ich hatte zufällig beides. Es war seltsam, nur ein Kind zu sein und ins CIA-Hauptquartier gebracht zu werden, das für das gesamte Netzwerk des Großraums Washington verantwortlich ist.

DER SPIEGEL: War es nicht auch faszinierend, durch staatlich gefördertes Hacking in das Leben aller eindringen zu können?

Snowden: Du musst dich erinnern, am Anfang wusste ich nicht einmal, dass Massenüberwachung eine Sache ist, weil ich für die CIA gearbeitet habe, die eine menschliche Geheimdienstorganisation ist. Aber als ich zurück ins NSA-Hauptquartier geschickt wurde und meine allerletzte Position, um direkt mit einem Werkzeug der Massenüberwachung zu arbeiten, gab es einen Kerl, der mich unterrichten sollte. Und manchmal drehte er sich in seinem Stuhl herum und zeigte mir eine Akte von einer Frau eines Ziels, die er gerade ansah. Und er sagt: “Bonus!”

DER SPIEGEL: Sie wurden schwer krank und fielen in eine Depression. Hatten Sie jemals Selbstmordgedanken?

Snowden: Nein! Dies ist wichtig für die Aufzeichnung. Ich bin es jetzt nicht, und ich war auch nie selbstmordgefährdet. Ich habe einen philosophischen Einwand gegen die Idee des Selbstmordes, und wenn ich zufällig aus dem Fenster falle, kann man sicher sein, dass ich gestoßen wurde.

DER SPIEGEL: Sie schreiben, dass Sie manchmal SD-Speicherkarten in den Würfel eines Rubiks geschmuggelt haben.

Snowden: Der wichtigste Teil des Rubik-Würfels war eigentlich nicht als Verdeckungsgerät, sondern als Ablenkungsgerät. Ich musste viele Dinge aus dem Gebäude holen. Ich habe Rubiks Würfel wirklich jedem in meinem Büro gegeben. Also war ich der Würfeltyp von Rubik. Und als ich mit meinem Schmuggelartikel aus dem Tunnel bekam und einen der gelangweilten Wachen sah, warf ich ihm manchmal den Würfel zu. Er sagt: “Oh, Mann, ich hatte als Kind so ein Ding, aber weißt du, ich konnte es nie lösen. Also habe ich einfach die Aufkleber abgezogen.” Das war genau das, was ich getan hatte – aber aus verschiedenen Gründen.

DER SPIEGEL: Sie stecken sich sogar die SD-Karten in den Mund?

Snowden: Wenn du das zum ersten Mal machst, gehst du einfach den Flur hinunter und versuchst, nicht zu zittern. Und dann, wenn du es öfter machst, erkennst du, dass es funktioniert. Wir wissen, dass ein Metalldetektor eine SD-Karte nicht erkennt, weil sie weniger Metall enthält als ein Gürtel einer Jeans.

DER SPIEGEL: Hast du russische Freunde?

Snowden: Ich versuche, eine Distanz zwischen mir und der russischen Gesellschaft zu halten und das völlig beabsichtigt. Ich lebe mein Leben hauptsächlich mit der englischsprachigen Community. Ich bin der Präsident der Freedom of the Press Foundation. Und, weißt du, ich bin eine Zimmerkatze. Es spielt keine Rolle, wo ich bin – Moskau, Berlin, New York -, solange ich einen Bildschirm habe, mit dem ich arbeiten kann.

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